Buch: Morgen komm ich später rein
Markus Albers hat mir netterweise sein Buch “Morgen komm ich später rein - Für mehr Freiheit in der Festanstellung” zukommen lassen.
Das Thema spricht mir aus der Seele. Schon während meiner Ausbildung bei einem großen Pharmakonzern habe ich schnell meine Arbeit erledigt und den Rest des Tages verbummelt. Ich fand es damals schon merkwürdig wie viele Leute an der Stechuhr warteten, dass sie umspringt und sie gehen können.
Markus Albers plädiert für freie Zeiteinteilung von Festangestellten. Er rühmt das Führen mit Zielen und bringt zahlreiche gelungene Beispiele aus Amerika aber auch einige aus Deutschland. Er hat viel recherchiert und präsentiert glaubwürdig jede Menge Zahlen.
Das Buch ist sehr gut aufgebaut und zeigt zunächst auf, worunter die Festangetellten leiden und beschreibt die Geschichte des Büros. Danach skizziert er die Freiangestellten. Kapitel für Kapitel erklärt er, warum freie Zeiteinteilung Sinn macht, mal aus Sicht des Unternehmens, mal aus Sicht des Angestellten.
Was mir an dem Buch gefällt:
Es ist gut recherchiert und logisch aufgebaut. Auch unterstütze ich grundsätzlich die Idee der freien Arbeit: Wer fertig ist, soll gehen können! Wer länger braucht, arbeitet halt länger.
Was mir nicht so gut gefällt:
Zwei Bilder werden in dem Buch sehr oft beschworen, die mir persönlich gar nicht gefallen. 1. Der Freiangestellte sitzt in Zukunft auf einer Finca am Meer und arbeitet mit dem Laptop am Strand. 2. Der Freiangstellte ist ständig erreichbar und schreibt Sonntag Abend mal eben schnell ein paar E-Mails.
Die Beispiele aus Deutschland in dem Buch reden von ‘4 Tage im Büro - ein Tag im Home Office’. Und auch im Büro ist niemand ständig erreichbar. Wer jemals versucht hat, einen Sachbearbeiter ans Telefon zu bekommen, kennt wohl die Antworten: “Ist gerade nicht am Platz” “Ist auf Fortbildung” “Hat heute seinen Gleittag” “Ist krank” “Ist zu Tisch” “Ist in einer Besprechung”… Der Zuständige ist gerade in der Kaffeeküche, am Kopierer oder auf dem Klo wird wohl nicht die Antwort sein. Auch ein Freiangestellter wird nicht ständigt erreichbar sein!!
Leider schreibt Markus Albers nur wenig über die Verhinderer der Easy Economy: Gewerkschaften, Arbeitsgesetze, Betriebsräte… Ich selber durfte in meiner letzten Festanstellung nach dem Kantinenessen keine Runde um den Block drehen, weil ich dann nicht versichert gewesen wäre. Stichwort: Wegeunfall! Vielleicht gibt es darüber dann ein zweites Buch.
Auch wird wenig über die Mentalität geschrieben. Neid und Mißgunst werden erwähnt, aber was ist mit der seitens der Politik jahrelang geschürten gib-mir-Mentalität. Gib mir Arbeit, gib mir Gesundheit, gib mir Geld. Freiarbeit hat sehr viel mit Selbstverantwortung zu tun und mit Selbstdiziplin. In den USA gibt es keine Pflichtkrankenkasse, keine Rentenversicherung und sonstige Absicherung. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Da kann man auch frei arbeiten. Die Servicewüste Deutschland zeigt doch sehr klar wie die Mentalität ist: “Ich arbeite hier nur”. Wer jemals von der Kellnerin ein Essen auf den Tisch geklatscht bekommen hat oder eine Verkäuferin im Gespräch mit einer Freundin gestört hat, weiß wovon ich rede. Am Ende des Monats bekommen die beiden ihren Lohn auf jeden Fall. Egal ob sie für das Unternehmen etwas getan haben oder nicht. Ist nicht auch heute noch, das Gehalt vom Alter abhängig?? Je länger man im Unternehmen ist, desto mehr verdient man.
Die heutigen Jugendlichen können sicher gleichzeitig simsen, surfen und telefonieren, aber können sie auch arbeiten? Können sie sich auf Ziele konzentrieren?
Was wird aus den ganzen Führungskräften, die nie wirklich gelernt haben zu führen sondern lediglich kontrolliert haben? Was wird aus den ganzen Angestellten, die nur so tun, als ob sie arbeiten? Werden die alle arbeitslos??
Bei vielen Beispielen aus deutschen Unternehmen scheint mir mehr PR dahinter zu stecken. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass eine erwähnte Firma definitiv nicht so handelt, wie es in dem Buch dargestellt wird.
In meinen Seminaren stand sehr oft ein Satz am Anfang: ‘Das Gehahlt bezahlt der Kunde nicht der Chef.’ Unglaublich vielen Menschen in Deutschland ist das noch nicht klar. Die Grenzen sind im Kopf. So sehr ich mir wünschen würde, dass die Szenarien aus dem Buch wahr werden, glaube ich doch, dass es noch länger dauert als bis 2020.
Markus Albers ist zu früh mit diesem Buch, genau wie ich in Deutschland zu früh mit meiner Büroberatung war. Ein Chef hat es mal gut auf den Punkt gebracht. Er wollte mich engagieren, weil seine Mitarbeiter so chaotisch waren. Am Ende des Gespräches meinte er: “Aber Mitarbeiter mit einem leeren Schreibtisch sind faul!”. Den Auftrag habe ich übrigens nicht bekommen.
Fazit: Die Idee ist gut. Das Buch liest sich gut. Ich hoffe, es wird von sehr sehr vielen Unternehmern und Personalverantwortlichen gelesen. Und es gibt auf jeden Fall noch Stoff für ein zweites Buch.
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